pp 24-08 Intraoperative Ereignisse - worüber möchten Patientinnen und Patienten sprechen und worüber nicht
von Lisa Marie Willms, Anästhesie, Universitätsspital Basel
Die Studie beleuchtet einen wichtigen Aspekt der Arzt-Patienten-Kommunikation im Kontext von Operationen: die transparente Kommunikation über unerwünschte Ereignisse (Komplikationen), die während einer Operation auftreten können. Schliesslich sind Patient:innen in der Regel während einer Operation aufgrund einer Allgemeinanästhesie nicht in der Lage, auftretende unerwünschte Ereignisse bewusst mitzuerleben, und sind somit auf die postoperative Aufklärung durch das Behandlungsteam angewiesen. Mit Hilfe von Interviews mit Patient:innen, Chirurg:innen und Anästhesist:innen wurden die unterschiedlichen Bedürfnisse von Patient:innen sowie die Herausforderungen für Ärzt:innen untersucht. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse und ihre Bedeutung für die Praxis zusammengefasst:
Kernbefunde der Studie
1. Grundsätzliche Befürwortung von Transparenz
- Sowohl Patient:innen als auch Ärzt:innen (Chirurg:innen und Anästhesist:innen) betonen die Wichtigkeit einer ehrlichen und transparenten Kommunikation über unerwünschte Ereignisse.
- Schwerwiegende Ereignisse (z. B. solche mit nachhaltigen Folgen für die Genesung oder zukünftige Behandlungen) müssen immer besprochen werden.
2. Individuelle Bedürfnisse der Patient:innen
- Während einige Patient:innen detaillierte Erklärungen wünschen (z. B. zu Ursachen und Abläufen), bevorzugen andere nur die wesentlichen Informationen und vertrauen darauf, dass Ärzt:innen die relevanten Details filtern.
- Zu viele fachliche Details können Patient:innen überfordern oder verunsichern.
3. Vertrauen hängt von der Kommunikation ab
- Das Vertrauen in die Ärzt:innen wird weniger vom unerwünschten Ereignis selbst beeinflusst, sondern davon, wie über das Ereignis gesprochen wird.
- Empathische, verständliche und offene Gespräche stärken die Arzt-Patienten-Beziehung.
- Zurückhalten von Informationen kann das Vertrauen ernsthaft belasten und die Beziehung nachhaltig schädigen.
4. Praktische Herausforderungen für Ärzt:innen
- Die Studie zeigt, dass Ärzt:innen vor der Aufgabe stehen, individuelle Bedürfnisse zu erkennen und Gespräche entsprechend anzupassen.
- Geringfügige Ereignisse ohne Folgen müssen nicht zwingend kommuniziert werden, sofern sie keine Relevanz für die weitere Behandlung haben.
Empfehlungen für die Praxis
- Patientenzentrierte Kommunikation: Ärzt:innen sollten vorab erfragen oder im Gespräch abschätzen, wie detailliert Patient:innen informiert werden möchten. Dies kann z. B. im Aufklärungsgespräch vor der Operation geschehen. Auch Folgegespräche können helfen, im Verlauf auftretende Fragen zu besprechen und Patient:innen so zu begleiten.
- Verständlichkeit und Empathie: Komplexe medizinische Sachverhalte sollten in einfacher Sprache erklärt werden, um Überforderung zu vermeiden. Eine empathische Grundhaltung hilft, auch die emotionalen Bedürfnisse der Patient:innen zu erkennen und zu adressieren.
- Schwerpunkte setzen: Priorisieren die Kommunikation von schwerwiegenden oder zukunftsrelevanten Ereignissen. Je nach den Bedürfnissen der Patient:innen kann es sinnvoll sein, weniger relevante Informationen zu filtern, um Überforderung und Verunsicherung zu vermeiden.
Fazit
Die Studie unterstreicht, dass Transparenz und Empathie in der Kommunikation über unerwünschte Ereignisse entscheidend sind – nicht nur für die Zufriedenheit der Patient:innen, sondern auch für das Vertrauen in die medizinische Behandlung. Eine individuelle Anpassung der Gespräche an die Bedürfnisse der Patient:innen ist dabei unerlässlich.
Dieses Projekt erhielt Fördermittel (CHF 15'000) von der «propatient Forschungsstiftung Universitätsspital Basel». Im Rahmen des CIBOSurg-Projekts wurde es zudem finanziell unterstützt durch die «Eidgenössische Qualitätskommission (EQK)», die «Stiftung Anästhesie und Intensivmedizin des Universitätsspital Basel» und über Grants der «Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel» sowie der «Promedica Foundation».